Donnerstag, 3. April 2014

Ein dicker Zwerg taucht hinter einem Barhocker auf und stolpert zur Tür, um sie zu schließen. Aus seinem Stiefelschaft zieht er einen goldenen Schlüssel und verriegelt die Pforte. Man löscht das künstliche Licht und zieht die Gardinen zu, oberkörperfreie Narbengesichter bringen Kerzen auf Totenschädeln und verteilen sie im Raum. Will mir nichts anmerken lassen, vorsichtig fragend schaue ich zu C., die mir Schnapsgläser reicht.
"Nicht trinken", sagt sie, "einfach gegenseitig über den Kopf kippen."
Gesagt, getan. Eine Kapelle aus Nasenhaarflöten spielt auf, Nino de Angelo, "Niemand holt dich zurück" in einer Elektropopversion. So Claudia Jung kommen wir nicht mehr zusammen, "tausend Frauen", wovon träumt man nachts. Und wovon am Tage. Ich hab tausend Jobs auf einmal, und alle unbezahlt. Eine greise Stripperin mit violettem Haar und violetten Schleiern tanzt in die Mitte, ein zusammengesunkenes, hageres Männchen mit Schiebermütze klatscht dazu unrhythmisch in Richtung seiner Schuhspitzen. Ich versuche die Beine der Stripperin zu zählen, ist da eins zuviel? Aber die Priesterin weist mich an, beim Heranschleppen des Wodkabrunnens zu helfen. In einem Hinterzimmer steht er und sprudelt, in der untersten Schale winden sich trübe blickende Schlangen, die ihre Köpfe über den Rand hängen lassen.
Wir bringen den Brunnen in Position hinter die Stripperin, deren siebenundsiebzigster Schleier soeben fällt. Auf drei blanken Sohlen tänzelt sie an uns vorbei nach hinten und zwickt mir im Vorbeistreifen in die Brustwarze. Autsch. Der Zwerg beginnt seinen Aufstieg auf den Brunnen, um den sich die Gemeinde sammelt, Schale für Schale klettert er hinauf, bis zu einem Samtkissen auf der Spitze, auf dass er sich erleichtert setzt. Man reicht ihm einen Strauss Wunderkerzen in die eine, eine umgedrehte, blau glitzernde Wodkaflasche in die andere Hand. Aus dem Hals der Flasche ergießt sich ein leuchtender Strom in die Brunnenschalen und vermischt sich mit dem kalten, klaren Quellwodka, der nun auch am Thron des Zwergs dringlicher aus Düsen schießt. Man rückt kreisförmig um den Quellort zusammen und taucht die Münder in den Brunnen, während die Priesterin in unserem Rücken uns mit Buchenzweigen abpeitscht.