Dienstag, 6. Mai 2014

Aufruhr an der Supermarktkasse, zwei Polizisten sind auch schon da. Schwer zu sagen, was vorgefallen ist, aber es braucht glücklicherweise keinen Sanitäter. Eine Frau mit Kopftuch und Kinderwagen ist betroffen, ihr Mann regt sich wortreich auf, während die Polizisten beruhigend auf ihn einwirken. Die Kassiererin kann keine genaueren Angaben zu den Tätern machen, die offenbar an der Kasse vorbei aus dem Laden getürmt sind. Hier wären doch überall Kameras, ereifert sich der Mann weiter. Ja, sagen die Polizisten, aber hier in diesem Bereich würde nichts aufgezeichnet, mehr könne leider nicht geschehen, die Anzeige wegen leichter Körperverletzung nehme ihren Gang, seine Frau würde demnächst Post bekommen.
Das junge Pärchen vor mir am Band ist milde entsetzt, er fragt die Kassiererin in etwas empörten Ton: "Entschuldigen Sie, da muss ich jetzt doch einmal fragen, wie es denn sein kann, dass hier nicht aufgezeichnet wird. Gerade an der Kasse, wo am ehesten etwas passiert."
"Wir dürfen nicht aufgezeichnet werden", sieht sie ihn freundlich und gelassen an. "Außerdem ist hier die Pin-Maschine."
"Ach, so", sagt er, es scheint ihm einzuleuchten.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Erste Fassung: Rede zum 2. Mai

Liebe Arbeitslose weltweit - die es schon sind und die es noch werden wollen - ich übermittle Euch stellvertretend Grüße von den arbeitslosen Weddingern, die zum glorreichen 2. Mai als Weddinger Block zu Tausenden dem Ruf "Kieken wa uns mal diesen Prenzlauer Berg an" gefolgt sind. Und ich übermittle solidarische Grüße von denen, die heute in der Schlange des Grauens unserer Jobcenter stehen müssen, und nicht dabei sein können,

sie nennen es längst nicht mehr Arbeit. Sondern Erwerb. Man soll sich erwerben, was man verdient. Es gibt nichts mehr umsonst, alles, was uns zusteht, sollen wir uns noch einmal mühsam erjagen. Die Begründung: Die Menschen schätzen nicht, was sie nicht selbst erworben haben. Wenn ich aber meine Miete nicht bezahlen kann und man gibt sie mir, dann schätze ich das sehr. Ich zweifle aber, dass ein Finanzgenie, das Milliarden verzockt, dieses Geld, das er nicht erworben hat, ähnlich schätzt. Wenn ich nur Staub in den Taschen finde, dann macht mir das Angst. Diese Angst wird aber benutzt, um an unserer Würde zu kratzen. Die der Hartzer. Der Assis. Künstler und anderen Taugenichtse.

Das Vermögen wird weiter von unten nach oben verteilt. Jetzt wird aber auch noch der Rest der verbliebenen Arbeit von oben nach unten verteilt. Auch wenn die Zahl der offiziellen Arbeitslosen abnimmt, die Zahl der insgesamt im Land geleisteten Arbeitsstunden ist ebenfalls gesunken. Das kann nur bedeuten: Denen, die schon idealerweise nichts mehr zu tun hatten, wurde doch noch was aufgedrückt. Vielleicht gar etwas, das kein Mensch braucht und nur da ist, damit man alle Beteiligten beschäftigt. Die das oft gar nicht wollen. Nicht in dieser Weise. Lohnarbeit ist Geiselnahme, für eine Wahnvorstellung von Vollbeschäftigung. Niedriglöhne, Geißel der Menschheit.

Wir bauen neue Geräte, damit wir neue Geräte verkaufen können. Damit wir, wenn alle neue Geräte haben, auch noch neue Geräte verkaufen können, lassen wir die Geräte schneller kaputtgehen. Oder erfinden coolere Geräte, die noch schneller kaputtgehen. Für die Materialien plündern wir den Planeten, aber egal, neue Probleme machen neue Arbeit. Es soll doch jeder arbeiten dürfen. Deutschland exportiert viele Güter, heißt es, ich glaube, Deutschland exportiert mittlerweile auch Arbeitslosigkeit.

Kürzlich führte ich am Tresen ein Gespräch über Langeweile. Ein Aufstocker neben mir sagte, er würde sich eigentlich nie langweilen. Auch ich Aufstocker sagte, Langeweile wäre mir fremd. Die Angestellte neben uns aber meinte, ihr wäre oft langweilig. Wann, fragten wir. Montags bis Freitag, von 8.30 Uhr bis 17 Uhr. Als ich sie kennenlernte, hatte sie gerade ihr Philosophiestudium abgeschlossen. Sogar mit Abschluss. Es gibt sehr viele wie sie, und wir Aufstocker und alle hier: Wir wüssten schon etwas mit unserer Zeit anzufangen, wenn man sie uns lassen würde. Wir skandieren "Wir haben Zeit", aber wie vielen von uns hat man sie weggenommen.

Traditionell werden Schimpfwörter oft zu Kultbezeichnungen. In diesem Sinne fordere ich: Eine Umbenennung der traditionellen Arbeiterbezirke Wedding, Neukölln und Prenzlauer Berg in Arbeitslosenbezirke. Ich fordere außerdem Roboter, die nicht nach zwei Jahren Garantie garantiert nicht mehr funktionieren. Die geplante Obsoleszenz muss geplant obsolet werden. Ich fordere freie Tage und neue Feste - gebt uns unsere Zeit zurück.

Lohnarbeit ist Mühsal, Not und Last. Ihr Glücksverprechen liegt in einer unsicheren Zukunft: Wenn wir einmal Rentner sind. Andere Systeme, die uns das Blaue vom Himmel danach erzählt haben, haben sich auch als Unsinn herausgestellt. In diesem Sinne: Einen schönen 2. Mai - wir haben heute frei.

Montag, 21. April 2014

Sonntag, 20. April 2014

Ich habe nun schon drüber geschlafen, aber die Umstände zur Situation sind einfach nicht griffig zu erklären. 
Im Zentrum der Situation eine Germanistik-Studentin aus Kalifornien, die mit einem Hula-Hoop-Reifen tanzt. Zu den Klängen eines Hang, das Micha neben mir im Hof der Kulturbrauerei spielt und mit dem er sie auch herangelockt hat. Ob wir ekstatischen Tanz kennen würden, fragt sie.
"Ecstatic Dance?"
Nein, würden uns bei ihrem Charme gegen das Kennenlernen der Form aber nicht allzu sehr sträuben.
Hang und Hula Hoop würden auch gut zueinander passen. Sie vermute, es liege an der Hollowness des Instruments. 
"Die Hohlheit, heißt das nicht so?" 
Damit nicht gut zu übersetzen, sage ich, Hohlraum fällt mir erst lange danach ein. Das Instrument sei ja rund, führt sie aus, wie der Reifen - aber hohl. Es wünscht sich, dass etwas ihn füllt, sagt sie. Meine Augenbrauen reagieren.
Micha spielt auf, sie tanzt erneut, der Reifen dreht sich nicht nur um die Hüfte, auch um die Arme, die Beine, sie springt durch ihn mit kurzem Flatterrock, dieses Mal klatscht der halbe Hof. Vielleicht hätte sie doch etwas anderes anziehen sollen, sagt sie mir, der um eine Antwort verlegen ist.
Flucht, es ist spät, morgen Gäste. Sie arbeitet über Clemens Brentano und Büchner.


Samstag, 19. April 2014

Da sitzt jedes Wort.
 Kein schlechter Claim. Für ein Möbel-Magazin.

Frühjahrsputz kann zum Restetrinken verleiten. Man muss keine Flasche abstauben, die mit winzigem Rest darin seit Jahren einstaubt. Man könnte sie auch mal austrinken. Erster Versuch mit ernüchterndem Start. Der Korkverschluß bricht sofort, die Hälfte steckt noch drin. Souveränes Heraushebeln mit einer Schere, dann ab mit dem Rest ins schlanke Whisky-Glas. Der fünfundzwanzigjährige Glenfarclas-Rest, dem vielleicht schon zehn Jahre "Nachalterung" zuteil geworden sind, ergibt knapp über dem Strich 2cl. Und einige Kork-Brösel.
Dafür nun stand die Flasche so lange in Schrank, Regal oder Kammer. Natürlich ist es eine schöne Flasche in schöner Papphülle, wenn der Inhalt so teuer ist, sodass sie noch viel mehr Funktionen erfüllt hat, als diesen kümmerlichen Rest in sich zu halten. Der womöglich nicht mal mehr schmeckt. Manch fremder Kennerblick wird über die Zeit mal auf der Flasche geruht haben, um deren Güte erkannt und wertgeschätzt zu haben. Sie war also ein Status-Symbol - hier wird Whisky genossen und fern von Fusel. Aber damit ist Schluss, schnell den gröbsten Kork rauswischen, bisschen Wasser dazu und probieren.
Er hat sehr gelitten, aber er ist noch da.

Mittwoch, 16. April 2014

Drei kleine Kinder im Haus bis Ostern, Frau Schwippschwägerin zu Besuch. Schön ist das, viel zu selten sieht man sich und lässt sich den Arm vollmalen, an Schreiben ist aber kaum zu denken. Arbeiten geht - nur, damit keine Verwechslungsgefahr besteht. Warum ich nicht in den Zoo mitkomme, fragt das große Kind. 
"Ich muss arbeiten."
"Stimmt nicht", sagt sie, "du willst."
Sie liegt richtig, denn ich meine natürlich schreiben.

Zwangshandlung Kunst. Jahrelang im Wald eine Pyramide aufschichten, dann einen Trampelpfad zum Dorf freischlagen und rufen: "Wollt ihr mal gucken?" Aber das Abendessen steht an, vielleicht morgen, je nachdem. 
Rückzug zur Pyramide mit einer Flasche Wein, die man zum Trost erhalten hat. Geiles Teil, könnte noch höher sein. 

Oller Steinhaufen, nüchtern betrachtet am nächsten Tage. Gedankennotiz: Jeden, den man künftig herführt, auf dem Weg trunken machen.